Über das schlechte Gewissen, das sich hineinsetzt – und was hilft, es loszulassen.
Neulich stand ich in der Küche, Kaffeebecher in der Hand, und dachte: Jetzt. Jetzt setze ich mich kurz hin. Nur ein paar Minuten.
Eine halbe Stunde später war der Kaffee kalt. Ich hatte mich zwar hingesetzt, doch keine bewusste Pause gemacht. Ich habe mich weder kurz auf meinen Atem konzentriert noch eine kurze Dankbarkeitsnotiz geschrieben. Ich hatte stattdessen doch wieder meine E-Mails gecheckt, die Spülmaschine ausgeräumt und die Wäsche aus der Waschmaschine in den Trockner gepackt. Warum? Weil ich mir dachte: Das erledige ich noch, dann kann ich wirklich entspannen.
Ich erzähle dir das nicht, weil es ein außergewöhnlicher Moment war. Ich erzähle es dir, weil es – ganz im Gegenteil – ein total gewöhnlicher war. Und weil ich diesen Moment – in leicht abgewandelter Form – von mir selbst und von so vielen Frauen kenne, die zu mir kommen.
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Ich weiß es – Du weißt es – und trotzdem
„Ich weiß, dass ich Pausen brauche. Aber ich kann mich nicht einfach so hinsetzen. Das fühlt sich falsch an.“
Das sagen sie mir. Und ich nicke – weil ich es selbst zu gut kenne. Auch heute noch. Obwohl ich längst weiß, dass Pausen kein Luxus sind, sondern eine Notwendigkeit. Obwohl ich das täglich erlebe, begleite, empfehle. Das Wissen schützt mich nicht davor, es trotzdem manchmal zu vergessen.
Woher kommt dieses Gefühl eigentlich?
Ich glaube, es hat viel damit zu tun, wie wir gelernt haben, unseren Wert zu messen. An dem, was wir leisten. An dem, was wir fertigbringen. An den langen To-do-Listen, die kürzer werden – oder eben nicht. Wer rastet, der rostet. Wer sitzt, der verschwendet Zeit. Das klingt nach alten Sprichwörtern, aber es steckt tiefer in uns drin, als uns lieb ist. Und dann kommt noch etwas dazu: Schuldgefühle. Gegenüber den Kindern, dem Partner, den Kolleginnen, den Kundinnen. Das Gefühl, dass irgendwo irgendwer etwas braucht, und ich sitze hier mit einem Buch auf dem Sofa.
Die innere Stimme leiser werden lassen
Letzte Woche habe ich tatsächlich ein Buch aufgeschlagen. Auf dem Sofa. Und für einen Moment war alles in Ordnung. Und dann schob sich, leise und hartnäckig, dieser Gedanke rein: Eigentlich solltest du…
Ich habe ihn nicht weggedrängt. Ich habe mir Zeit dafür genommen. Ich habe ihn bewusst angeschaut und wahrgenommen. Und dann habe ich mich gefragt: Was genau sollte ich eigentlich? Wessen Erwartung ist das gerade? Ist das meine Stimme – oder eine sehr alte, die ich schon lange mit mir trage? Schon allein dieser Moment der Zuwendung zu dieser inneren Stimme lässt sie leiser werden.
Was wirklich hilft – und wie du es selbst herausfinden darfst
Und es braucht dafür nicht immer Worte. Manchmal ist es ein bewusster Atemzug, ein kurzes Innehalten, ein achtsamer Moment mit einer Tasse Tee – bevor sie kalt wird. Manchmal hilft eine kleine Regulationsdung, die innere Unruhe erst genug zu beruhigen, damit überhaupt Raum für irgendetwas anderes entsteht. Und ein anderes Mal – besonders dann, wenn der Gedankenkreisel nicht aufhören will – kann Schreiben, als kurzes, stilles Gespräch mit dir selbst, ein Weg aus dem Hamsterrad sein.
Wenn ich aufschreibe, was mich beschäftigt – auch nur drei Sätze, auch nur in Stichworten – dann verliert es ein bisschen von seiner Macht. Es ist nicht mehr nur ein diffuses Gefühl im Hintergrund. Es hat eine Form. Und was eine Form hat, kann ich anschauen. Kann ich befragen. Um es irgendwann loszulassen. Das ist keine zeitaufwendige Therapie. Das ist einfach: Stift und Papier und ein paar ehrliche Minuten mit dir selbst.
Und ja – das alles sind Formen von Pause. Jede für sich wirkt, je nach Situation, ganz unterschiedlich. Du kannst viele ausprobieren und für dich entscheiden, welche wann am tiefsten für dich wirkt.
Kleiner Schreibimpuls für dich
Nimm dir fünf Minuten. Stift, Papier – oder auch dein Handy, wenn das gerade näher liegt. Und schreib den Satz zu Ende, der dich im Moment am meisten zurückhält: „Eigentlich sollte ich jetzt…“
Schreib auf, was kommt. Alles davon. Und dann schreib darunter: Wessen Stimme ist das?
Du musst die Antwort nicht wissen. Die Frage allein reicht schon.
Vom 21. bis zum 23. Mai veranstalte ich eine kostenfreie Regulations-Challenge. Hier kannst du mitmachen: Zur Challenge
Ich freue mich, wenn du deine Gedanken mit mir teilst. Hinterlasse mir gerne einen Kommentar oder schreib mir eine E-Mail an lidija@lidijatesche.de, falls du Fragen, (Themen)Wünsche, Anregungen oder Kritik an und für mich hast.
Ich freue mich von dir zu lesen!